Der Great Glen ist ein markanter, 100 Kilometer langer geologischer Grabenbruch, der die schottischen Highlands von Küste zu Küste in zwei Hälften teilt. Er verläuft schnurgerade von Fort William im Südwesten bis nach Inverness im Nordosten und ist sogar aus dem Weltraum sichtbar (Wikipedia).
Das Wetter zeigt sich heute, nach 3-4 Tagen Sommeranfang (naja zumindest Frühlingsanfang) erneut von seiner lieblichen, typisch schottischen Seite. Es regnet, es ist grau und die Wolken hängen praktisch am Boden unten. Zeit wieder ein paar Kilometer hinter uns zu bringen.
Wir fahren in den Norden statt in den Westen und haben einmal mehr die ganze Route umgekrempelt. Fort William und die umliegenden Aktivitäten überspringen wir, das machen wir auf dem Rückweg. Was wir mittlerweile alles auf dem Rückweg machen wollen (sofern das Wetter dann mitspielt), geht unter keine Kuhhaut mehr. Ob wir jemals in Skandinavien ankommen werden?
FORT AUGUSTUS
Ein lauter Knall, ein paar fragende Blicke und dann wird schnell klar, unser rechter Seitenspiegel hat sich gerade teilweise verabschiedet. Kann zwar passieren ist aber dennoch ärgerlich, insbesondere wenn sich die überbreiten «richtigen» Camper auf den kleinen Strassen tummeln, auf welche sie nicht wirklich hingehören (schon gar nicht wenn sie nicht fahren können – was leider auf einen Grossteil der Verkehrsteilnehmer im Allgemeinen zu trifft – «Achtung die Touris sind looooos!»). Es hat seinen Grund, weshalb wir uns für einen «kleinen» wendigen Kastenwagen entschieden haben. Das Teil bringt man gerade noch so durch alle Strassen und auf jeden «normalen» Parkplatz. Seit wir in Schottland regelmässig Campingplätze buchen ist uns übrigens auch sonnenklar und mehrmals durch das Personal bestätigt: Betty ist KEIN Camper sondern ein Campervan. Somit wissen wir mittlerweile auch, an welche Verbotsschilder wir uns halten müssen uns an welche nicht.
Die Camper mit ihren überbreiten und weit über 6 Meter langen Fahrzeugen denken leider auch so - dass sie überall hinkommen und dürfen - und dem entsprechend knallt es dann auch mal. Der entgegenkommende Camper hat sich in unserem Fall mehr Platz genommen als ihm zusteht (und hatte auch eine ordentliche Geschwindigkeit drauf) und so hat sich unser Blinkerglas am Aussenspiegel, nach einem ersten «sanften» Klatscher in Irland, nun komplett verabschiedet, hier klafft jetzt ein grosses Loch. Die arme Betty hat jetzt Ohrenschmerzen. Etwas Panzertape (Pflaster) anbringen beim nächsten Halt muss reichen, denn anhalten und dem anderen auf die Finger hauen ist nix, hinter uns und hinter dem Camper hat es Verkehr ohne Ende und keine Ausweichstelle in Sicht. Zudem ist er schon lange über alle Berge, der Raser. Also «Päng», Augen zu und durch resp. weiter.
Wir kommen in Fort Augustus an, bereits bei der Parkplatz suche wird klar, sehr touristisch hier. Kein Wunder hier beginnt das berühmte Loch Ness oder besser gesagt der See, in welchem Nessie seit Jahrhunderten alle an der Nase rumführt. Mit Ach und Krach finden wir auf dem riesigen Parkplatz noch eine Lücke, um uns den Touristenströmen durch das Dorf anzuschliessen. Wir spazieren einmal hindurch, entlang der etwa 8 Schleusen, über welche die Boote vom See in den Caledonian Canal und umgekehrt geschleust werden, bis zum Clans Museum, welches gar keines ist. Nach einer halben Stunde haben wir bereits genug gesehen und ziehen, auch etwas dem schlechten Wetter geschuldet, weiter. In der Nebensaison und bei gutem Wetter aufgrund der vielen Cafés und Restaurants, sicherlich ein hübscher Zwischenstopp aber für uns heute einfach ein Punkt zum Abhaken.
URQUHART CASTLE
Direkt am Loch Ness, an bester touristischer Lage befindet sich auch das Urquhart Castle, ein in Benis Augen völlig überbewerteter Steinhaufen, welcher einfach davon profitiert, dass er sich an der touristischen Hauptschlagader befindet. Es gibt ein riesiges Besucherzentrum und entsprechend viele Besucher hier. Wir haben schon einiges an Steinhaufen gesehen, welche um ein vielfaches beeindruckender waren. Die Lage direkt am See macht es sicherlich interessant und auch die Grösse der Anlage ist nicht von schlechten Eltern. Wir und ein paar hundert weitere Touristen spazieren umher und beglupschen die Ruine und ergözen uns alle an dem Ausblick auf den See, na ja fast alle, Beni ist nicht sehr beeindruckt. Am spannendsten ist noch der Heiratsantrag, an welchem wir gerade vorbeispazieren und Beni natürlich gleich applaudierend honoriert und somit eine kleine Applauswelle auslöst. Die Frau ist entweder entsetzt oder überwältigt, jedenfalls fliessen Tränen. Er scheint nicht unglücklich also ergo, hat sie wahrscheinlich ja gesagt.
Ein weiteres Highlight ist, das nicht mehr ganz intakte Katapult vor der Burgruine. Etwas gelangweilt geht Beni's Fantasie wieder mal mit ihm durch. Guck, dass Katapult dort, früher in der Hochsaison wenn die Brücke und somit der einzige Zugang in die Ruine von Menschen verstopft war, konnte man sich hier für 10 Pfund extra über die Mauern ins das Innere katapultieren lassen, coole Sache. Eine Marktlücke? Genügend irre Touristen würden sich für diese Idee garantiert gewinnen lassen. Man merkt gut, dass es sehr touristisch ist, jede Kante wo man sich eventuell den Kopf stossen könnte, ist mit Schaumstoff geschützt. Also zum Schutz der Steine, nehmen wir jetzt mal an. Bei der Nessie Experience um die Ecke, parkieren wir zwar kurz aber wir haben beide nicht gross Lust uns während 45 Minuten die diversen Videos anzuschauen, also fahren wir weiter in Richtung Inverness.
P.s, muss natürlich noch erwähnt werden; von Nessie keine Spur. Daher auch das Foto ihrer Schwester als Titelbild.
CULLODEN BATTLEFIELD
Das letzte Schlachtfeld des schottischen Aufstands von 1746. Die Highland Clans gegen die Engländer (Spoileralarm: Schottland hat (leider) verloren). Das damalige Schlachtfeld wird heute flankiert von einem grossen Besucherzentrum mit einer Ausstellung zur Geschichte. Zur Ausstellung gibt es auch ein kleines 360 Grad Kino, welches in 10 Minuten Abständen neu startet. Beim Betreten geht Joli als erste durch die schwere Türe hinein dicht gefolgt von Beni, welcher der nachfolgenden Frau die Tür auch noch ein Stück weit aufhält (ganz Gentleman like) doch die Frau hat nicht mit dem Gewicht der Tür gerechnet. Sie hält noch ihr Handy in der einen Hand und so knallt ihr die Türe ins Gesicht und sie muddert und stöhnt etwas in Richtung Beni. Beni muddert nur zurück «dann musst du halt dein Handy mal für ein paar Sekunden aus der Hand legen wenn dir die Türe zu schwer ist» und läuft weiter. Die Frau lässt sich nichts anmerken, wir bemerken aber eine Minute später das sie jedes Wort verstanden hat da sie ebenfalls Schweizerin ist, haha. Manchmal vergessen wir, dass die Saison angefangen hat und wir mittlerweile leider mehr Touristen als Schotten um uns herum haben. Beni findet die Ausstellung und das Schlachtfeld dann doch eher etwas langweilig und meint nur er habe ja auch die Hohle Gasse sowie den Apfelschuss-Ort von Wilhelm Tell nie besucht, weshalb sollte ihn nun diese schottisch - englische Schlachterei mehr interessieren? Ja nicht unwahr. Joli interessiert es, aber sie kennt sich auch mit der Geschichte etwas aus und hat entsprechend ein Hintergrundwissen, welches das Ganze interessanter macht.
Die Schotten und Bonnie Prince Charlie hätten den Krieg wohl gewinnen können, denn sie standen schon fast vor den Toren Londons. Leider hat das erfolgreiche Heer dann dort kehrt gemacht (irgendein «Mullaff» hat eine falsche Entscheidung getroffen, meint Joli) und als es zur entscheidenden Schlacht in Culloden kann, war das schottische Heer dezimiert, schon länger völlig ausgehungert und nach einem nächtlichen Marsch und fehlendem Schlaf total entkräftet, als es zur Schacht kam. Die Schlacht war nach 30 Minuten entschieden und was darauf folgte war ein Abschlachten der Jakobiten, Verfolgungen und das Ausmerzen der bisherigen schottischen Lebensweise in dem das Tragen von Waffen, der schottischen Tracht (Kilts, Tartans, Plaids) verboten und die schottischen Clanführer entmachtet wurden. Auch die gälische Sprache und Kultur wurde gezielt an den Rand gedrängt. Diese Massnahmen führten zu einer tiefgreifenden Zerstörung der traditionellen schottischen Gesellschaft. Sie bildeten zudem den Auftakt für die berüchtigten «Highland Clearings», in denen viele Einheimische in den folgenden Jahrzehnten vertrieben wurden. Wir fragen uns kurz, wie die Welt hier heute wohl aussehen würde, hätten die Schotten damals nicht kurz vor London umgedreht…
Auf jeden Fall sollte man sich auf dem ehemaligen Schlachtfeld respektvoll verhalten, denn es ist nicht nur eine historische Stätte sondern der letzte Ruheort aller dort gefallenen Schotten und Engländer. Ein grosses Grab, nach einer schrecklichen Schlacht.
CLAVA CAIRNS
Die Clava Cairns sind ein rund 4’000 Jahre alter bronzezeitlicher Friedhof in der Nähe von Culloden Moor. Die historisch bedeutende Anlage, die vermutlich als Vorbild für den fiktiven Steinkreis «Craigh na Dun» aus der Serie Outlander gilt, besteht aus drei markanten Grabhügeln (Cairns) und massiven aufrechten Steinringen, welche die drei Grabhügel umgeben. Die Anlagen sind so konstruiert, dass sie sich nach dem Sonnenuntergang der Wintersonnenwende richten und die Ausrichtung das Licht der flachen Wintersonne in die Kammern fallen lässt. Wärend zwei der Kammern zugänglich sind und über einen Gang verfügen, ist die zentrale Kammer geschlossen. Die Clava Cairns sind ein Paradebeispiel für die frühzeitlichen Bestattungsrituale im Norden Schottlands.
Für Beni sind es nur noch mehr Steine und er wartet geduldig im Auto auf Joli und sucht in der Zwischenzeit einen Platz zum Übernachten, welcher nicht wie die bisher überprüften sechs Plätze bereits ausgebucht ist.
















































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renate (Freitag, 12 Juni 2026 17:48)
schöne fotos,amüsanter text,danke. muntsch ma